Unsere Martin-Luther-Kirche

"Herr, ich habe lieb die Stätte deines Hauses und den Ort, da deine Ehre wohnt." Psalm 26,8

Pläne zur Errichtung einer eigenen Kirche in der Hamelner Nordstadt gab es schon seit 1957, als der Nordbezirk der Marktkirchengemeinde St. Nicolai zunächst in der Aula der Pestalozzi-Schule eigene Gottesdienste aufnahm. Der Grundstein des neuen Kirchbaus wurde dann am 30. Oktober1960 gelegt. Am 3.Juni 1962 konnte die Martin-Luther-Kirche eingeweiht werden. Verantwortlich für Entwurf und Ausführung war Professor Dr.Wolfgang Rauda/Hannover. Der Altar mit dem darüberhängenden Relief und der Taufstein stammen von dem Bildhauer Siegfried Zimmermann/Hannover. Die Glasfenster schuf der Maler Gerhard Hausmann/Hamburg. Die Wilhelmshavener Firma Führer errichtete die Orgel, und der Osterleuchter und die Abendmahlsgeräte kamen aus der Werkstatt von Heinz-Ulrich Bullermann in Hanau. Der freistehende Kirchturm birgt vier Glocken, die in der Werkstatt der Gebrüder Rincker in Sinn/Dillkreis gegossen wurden. Sie sind auf die Tonlagen b', c", es" und f" gestimmt und tragen jede den Namen einer Stadt der Reformation: Eisenach, Eisleben, Wittenberg, Erfurt. Darüberhinaus haben sie je eigene Inschriften: ,,Singet dem Herrn ein neues Lied, denn er tut Wunder!" (Christusglocke), ,,Fürchte dich nicht, glaube nur!" (Sterbeglocke), ,,Herr, lehre uns beten!" (Betglocke) und ,,Im Anfang war das Wort und das Wort war bei Gott und Gott war das Wort" (Taufglocke). Bereits am 17.12.1961 wurden sie ihrer Bestimmung übergeben. Seither ruft die Betglocke auch jeden Abend um 21 Uhr zum stillen Gebet. Nur samstags wird schon um 18 Uhr der Sonntag eingeläutet.

Der Innenraum

Man betritt die Kirche von der Ostseite her. Der Eingang liegt so, daß der Blick bei geöffneten Türen bereits von draußen bis zum Altar reicht. Der Besucher fühlt sich eingeladen näherzutreten. Der Altarraum liegt im hellen Licht eines Fensters, das die volle Höhe der südlichen Seitenwand erreicht. Im übrigen bleibt der Innenraum eher dunkel. Denn das übrige Licht kommt vorwiegend nur durch zwei schmale Fensterbänder, die beide Längsseiten zum Dach hin abschließen. Der Fußboden ist zudem aus schwarzen Schieferplatten gefügt. Der Blick fällt also aus einem gedämpften Raum ins Licht auf das Kreuz des Altars und den Christus des Reliefs. Man kommt aus dem Dunkel zum Licht, zur Offenbarung Gottes in Christus. Das Altarfenster und die beiden Lichtbänder unter dem Dachansatz sind farbig getönt. Man erkennt in ihnen Türen und Fenster, durch die der Blick in das Blau des Himmels geht. Sie deuten das himmlische Jerusalem an und veranschaulichen das Bibelwort: ,,In meines Vaters Hause sind viele Wohnungen" (Joh 14,2). Unter der Empore an der Nordseite befinden sich noch fünf weitere Fenster.

Altar Altar
Osterkerze
Osterkerze

Taufstein

Über dem Altar hängt an zentraler Stelle ein Relief. Es zeigt Jesus beim Abendmahl im Kreis seiner Jünger um einen Tisch mit Brot und Kelch. Jesus scheint zu stehen. Jedenfalls ist er größer als seine Jünger. Auf ihn kommt es an. Er ist der Gastgeber. Seine ausgestreckten Hände machen die Bewegung des Schenkens. Sie weisen auf Brot und Kelch und erinnern daran: Unser Abendmahl mit seinen Gaben kommt von ihm. Die Darstellung faßt verschiedene Zeiten und Ebenen zusammen. Jesu Hände sind durchbohrt, er ist also bereits der Gekreuzigte. Sein Kopf trägt eine Krone und den Strahlenglanz des Siegers, er ist also auch der Auferstandene, den Gott bestätigt und zu sich geholt hat. Als der erhöhte Herr ist er im Abendmahl der Gemeinde gegenwärtig. Seinen letzten Worten entsprechend repräsentieren das Brot ihn und der Kelch den Bund Gottes mit den Menschen, der durch ihn eine neue, weitere Grundlage erhalten hat. Die Jünger sitzen um einen runden Tisch. Kein Tisch ist gemeinschaftsfreundlicher. Niemand gerät an den Rand, ins Abseits. Alle Christen gehören dazu, wer sie auch immer und wo sie auch immer sind. Dementsprechend symbolisiert der runde Tisch die Erde. Die Haltung der Jünger ist unterschiedlich: teils schauen sie zu Jesus auf, teils blicken sie mit ihm, teils richtet sich ihr Blick auf seine Gaben, teils haben sie ihre Hände empfangend ausgestreckt. Auf ihn schauen und mit ihm schauen - das ist das Kennzeichen des Jüngers. Einer fehlt: Judas lscharioth. Damit ist vorn im Jüngerkreis ein Platz frei. Und jeder Betrachter kann sich eingeladen fühlen, diesen Platz zu besetzen. So weitet sich der Kreis der Jünger und schließt uns mit ein. Und in jedem Abendmahl setzt sich etwas von der Gemeinschaft mit dem gekreuzigten und auferstandenen Herrn fort. Im Wechsel der Zeiten versammelt er weiterhin die große Familie Gottes.

Orgelempore

Buntglasfenster

In der Nordwand der Kirche neben dem Aufgang zur Empore beginnt eine Folge von fünf Fenstern. Sie sind aus belgischem Dickglas gearbeitet. Jedes einzelne Glasstück ist nach Vorlage gegossen und dann in Beton eingefügt worden. Sie bilden große Themen des christlichen Glaubens ab: Verheißung, Offenbarung, Gnade, Gericht, Taufe. Zugrunde liegen jeweils alttestamentliche Texte, die von Christus her gedeutet sind.

Verheißung
Verheißung

Das erste Fenster geht von der prophetischen VERHEISSUNG aus: ,,Es wird ein Reis hervorgehen aus dem Stamm Isais und ein Zweig aus seiner Wurzel Frucht bringen" (Jes 11,1). In stilisierter Form wächst eine Rute aus einem Baumstumpf auf, der sich im Erdreich in ein Wurzelwerk verzweigt. Der Baum ist gefällt. Aber die Wurzeln haben ihre Kraft nicht verloren. Der Stumpf schlägt wieder aus und bringt einen neuen Trieb hervor. Die Rute teilt sich in drei in Kreuzform voneinanderwegstrebende Enden, die in grün/gelbe Blätter auslaufen. Diese Darstellung deutet das Jesajawort auf Jesus Christus und sein Kreuz. Umfangen wird das Ganze von der Aura Gottes, dargestellt als Sonne mit ihren Strahlen, die den neuen Trieb einhüllen. Gott hat mit seinem Volk immer wieder neue Anfänge machen müssen. Das zeigt die Geschichte des Gottesbundes im Alten Testament deutlich. Aber die Propheten haben stets auch die Hoffnung genährt, daß seine Geschichte mit den Menschen nicht ganz abreißen würde, daß sie vielmehr in dem Werk eines besonderen Gesandten neuen Auftrieb erhalten und ,Frucht bringen' würde. Christen glauben, daß diese Verheißung sich in Jesus Christus erfüllt hat. Er war ein Nachkomme Davids, und David war der Sohn des erwähnten lsai. Aber gerade auf dem Hintergrund der verhängnisvollen Geschichte zwischen Juden und Christen muß bewußt bleiben:Jeder neue Trieb wurzelt in einem alten Stamm.Jesus ist aus dem Judentum hervorgegangen. Ohne die Vorbereitung, die der Glaube in einer jahrhundertelangen jüdischen Geschichte gewonnen hat, würden wir heute nicht an Jesus Christus glauben.

Offenbarung
Offenbarung

Das Thema des zweiten Fensters ist OFFENBARUNG, sein Hintergrund die Erzählung von der Berufung des Mose. Mose war vor der Rache der Ägypter nach Midian geflohen und hatte hier Fuß gefaßt. Er hütete die Schafe seines Schwiegervaters Jitro. Eines Tages trieb er die Schafe über die Steppe hinaus und kam an den Berg Gottes, den Horeb. Hier sah er einen Busch wie in Feuer getaucht, ohne daß die Flammen ihn verzehrten. Als Mose sich näherte, hörte er eine Stimme, die ihn aufforderte, die Schuhe auszuziehen, denn er betrete heiliges Land. Und Gott offenbarte sich ihm als der Gott seiner Väter, er berief ihn zu seinem Boten und gab ihm den Auftrag, seine hebräischen Brüder und Schwestern aus dem Frondienst in Ägypten herauszuführen (2.Mose 3). Mose erfuhr hier auch den Namen Gottes: Jahwe. Übertragen bedeutet dieser Name etwa: ,,Ich bin, der ich bin". Gott offenbart und verbirgt sich damit zugleich. ,,Ich bin, der ich bin", das bedeutet einerseits: ,,Ihr könnt euch auf mich verlassen, ich bin mit euch". Andererseits wahrt Gott sein Geheimnis. Er erklärt sich mit sich selbst. Der brennende Dornbusch füllt das ganze Fenster. Aber sein Feuer ist nicht Gott selbst. Gottes Aura schwebt darüber und entzieht ihn der sichtbaren Welt. Er ist immer nur in seinen Wirkungen erkennbar. Eine Wolke verhüllt ihn zusätzlich. Das soll darauf hinweisen, daß Gottes Offenbarung in vorchristlicher Zeit noch nicht zu ihrer letztmöglichen Klarheit gefunden hat. Mose hat vor dem Dornbusch die entscheidende Begegnung seines Lebens gehabt. Er wurde aus einem Schafhirten zum Führer des Volkes Israel, und die Geschichte des Gottesbundes bleibt für immer mit seinem Namen verknüpft. Er hat nach der biblischen Überlieferung die zehn Gebote verkündigt. Bei genauem Hinschauen erkennt der Betrachter in der Gestalt des brennenden Dornbuschs die Dornenkrone Christi. Beide Darstellungen sind aufeinanderhin gestaltet. Mose und Christus ergänzen sich gegenseitig.

Gnade
Gnade

Dieses Kirchenfenster wird nur von seiner neutestamentlichen Deutung her zugänglich. Es zeigt zunächst vier auf die Spitze gestellte Rhomben, die in der Form des Antoniuskreuzes (T-Form) angeordnet sind. Dadurch entsteht auch hier ein Bezug zum Kreuz Christi, der durch die fünf eingeschlossenen roten Steine noch unterstrichen wird. Sie vergegenwärtigen die fünf Wundmale Christi. Dementsprechend schließt die untere Figur an der Stelle der Füße Christi zwei rote Glassteine ein. Diese Darstellung hat sich von zwei alttestamentlichen Worten inspirieren lassen: ,,Siehe, ich lege in Zion einen Grundstein, einen bewährten Stein, einen kostbaren Eckstein" (Jes 28,16), und: ,,Der Stein, den die Bauleute verworfen haben, ist zum Eckstein geworden" (Psalm 118,22). Besonders das letzte Wort ist schon in urchristlicher Zeit auf Jesus Christus bezogen worden. Er ist von Gott zum Grundstein des Baus seiner Kirche gemacht worden. Dieser Gedanke hat die Ausführung des Kreuzes beeinflußt. Das Kreuz selbst ist weitgehend aus weißen Glassteinen gefertigt und macht dadurch einen hellen, freundlichen Eindruck. Es ist zudem umflossen von den Strahlen des Lichtes Gottes, die ähnlich wie beim ersten Kirchenfenster die Darstellung einhüllen. Atmosphärisch ist dieses Glasfenster das strahlendste. Das entspricht ganz seinem Thema GNADE. Jedes Haus braucht ein Fundament. Übertragen auf eine menschliche Gemeinschaft gilt auch hier: Sie braucht eine Grundlage, auf der sie bauen kann. Jeder Mensch braucht in diesem Sinn eine Basis, die ihn trägt. Unser drittes Kirchenfenster möchte vermitteln:Jesus Christus, der Gekreuzigte, ist die Grundlage unserer christlichen Gemeinschaft, unseres Lebens, und diese Grundlage verdanken wir Gott. Sie ist nicht das Ergebnis eigener Leistung, sondern seine Gabe. Der Grund ist gelegt. Bauen wir darauf weiter in Glaube, Hoffnung, Liebe!

Gericht
Gericht

Der erste Eindruck vor diesem Fenster ist ein Durcheinander von Steinen und züngelnden Flammen. Bei genauerem Hinschauen sind mehrere, aus Steinen geschichtete Mauerbrocken zu sehen, und man stellt sich vor, daß hier ein Bauwerk zusammenstürzt und von den Flammen gefressen wird. Thema dieses Fensters ist: GERICHT. Seiner Darstellung zugrunde liegt die prophetische Klage: ,,Das Haus unserer Heiligkeit und Herrlichkeit, in dem dich unsere Väter gelobt haben, ist mit Feuer verbrannt, und alles, was wir Schönes hatten, ist zuschanden gemacht" (jes 64,10). Der Prophet hat um 530 v. Chr. gewirkt und blickt auf die Eroberung Jerusalems und die Zerstörung des Tempels im Jahr 587 durch den neubabylonischen König Nebukadnezar zurück. Unter dem Eindruck dieses Ereignisses begreift er den Weg seines Volkes als einen Weg der Schuld. Er trauert an der Stätte, die einmal bessere Tage gesehen hat und die den lsraeliten Mittelpunkt ihres Lebens mit Gott war. Das Schicksal des Tempels bleibt nicht ein freischwebendes Verhängnis, sondern wird als Gericht Gottes gedeutet. Das entspricht ganz dem biblischen Zusammenhang. Es findet seinen künstlerischen Ausdruck in dem unteren Sonnenrand, von dem diesmal keine Strahlen ausgehen. Gott hat sich zurückgezogen, sein Segen hat sich ins Gegenteil gekehrt. In der Folge unserer Kirchenfenster geht es dabei nicht nur um die Vernichtung des ersten Tempels, sondern auch um die des zweiten Tempels im Jahre 70 n. Chr. Erinnert sei auch an die Zerstörung unserer Mutterkirche St. Nicolai am Ende des 2. Weltkriegs. Gottes Gericht verschont sein eigenes Haus nicht. Es gibt Brüche in seiner Geschichte mit uns Menschen. Das soll eine Warnung zur Umkehr sein und falscher Selbstzufriedenheit vorbeugen. Gott ist nicht der ,,liebe" Gott, der zu allem schweigt. Er kann auch hart zufassen. Das erschreckt uns. Wir wünschen uns einen Gott, der uns die Steine aus dem Weg räumt und unsere Schwächen trägt. Aber so erfahren wir es nicht immer. Und manchmal bleibt nur die Frage, die an das Jesajawort anschließt: ,,Herr, willst du bei alledem noch zögern und uns so sehr niederschlagen?"

Taufe
Taufe

Das fünfte Fenster mit dem Thema TAUFE ist nicht von ungefähr das letzte in der Reihe. Es bildet den hinteren Abschluß der Taufkapelle und deutet in seiner Weise den Vorgang der Taufe. Der Taufraum ist gegenüber dem Altarraum um einige Stufen vertieft angeordnet. Wer ihn betritt, wird dadurch genötigt hinunterzusteigen. Das erinnert an die Urchristenheit, die ihre Täuflinge in fiießendem Wasser untertauchte. Die Decke des Taufraums ist nach oben hin durchbrochen und wirkt so transparent. Man kann an die Taufe Jesu denken, von der es heißt daß über ihm sich der Himmel auftat und er die Stimme hörte: ,,Du bist mein lieber Sohn" (Mark 1,10 + 11). Im unteren Teil des Tauffensters windet sich die Schlange. Sie spielt ihre Rolle in der Geschichte vom Sündenfall (1 .Mose 3). Durch diese Geschichte ist die Schlange zum Symbol der Versuchung und des Bösen geworden. Unsere Welt ist nicht so,wie sie sein soll. Es geht ein Riß durch sie hindurch, denn der Mensch hat sich von seinem Gott entfernt und ist ihm ungehorsam geworden. Ihre wahre Gestalt findet sie erst im Reich Gottes. Über der Schlange erhebt sich das Kreuz Christi. Ihm sind Wasserlinien eingezeichnet. Damit soll angedeutet werden, daß sich in Jesus Christus die prophetische Erwartung erfüllt, daß Gott seinen Geist gibt: ,,Ich will Wasser gießen auf das Durstige und Ströme auf das Dürre; ich will meinen Geist auf deine Kinder gießen und meinen Segen auf deine Nachkommen" (Jes 44,3). Durch Jesus ist ein neuer Geist in die Welt gekommen. In ihm sind die Vorzeichen der neuen Welt Gottes erschienen. Und die Taufe sagt dem Christen, auf welche Seite er gehört: nicht auf die Seite der Schlange, sondern auf die Seite des Kreuzes. Zwar sind wir aus dem Bösen noch nicht wirklich heraus, aber Gott hat uns die Brücke der Vergebung und der Liebe Christi gebaut. Über diese Brücke zu gehen ist uns tägliche Aufgabe.